Paul (23), angehender Brauer, aus Leipzig empfiehlt „Und die Eselin sah den Engel“ von Nick Cave.

1. Worum geht es für dich in dem Buch?
Um das mit dem Teeniejargon wohl am besten erfasste Phänomen des Schubladendenkens und der Oberflächlichkeit. Bereits der Titel des Buches beruht auf einem Gleichnis aus Numeri (22, 23-31), dem vierten Buch Mose, in dem eine Eselin dem „Engel des Herrn, das gezückte Schwert in der Hand“ wiederholt ausweicht, um als Strafe vom Reiter geschlagen zu werden, obwohl sie soweit treue Dienste leistete. Nach dem dritten Schlag endlich sieht auch der Reiter die Erscheinung und wirft sich vor dem Engel ehrfürchtig in den Staub. Somit wird die Eselin als (nach klassisch christlicher Lesart) seelenloses Wesen „gerechter“ als ihr Reiter dargestellt.

Dieses Gleichnis führt Nick Cave im Roman allegorisch weiter, indem er die wohl unbeliebteste Figur einer Kleinstadt in eine Heilandrolle versetzt. Da Protagonist Euchrid Eucrow allerdings verkrüppelt und stumm ist, erkennt die Gemeinschaft diesen Heiland bis zuletzt nicht. Auch für mich als unreligiösen Menschen birgt dieser biblische Vergleich eine ganze Palette sozialkritischer Mahnungen, wie etwa das Unbekannte oder „Unschöne“ nicht unmittelbar mit Missachtung zu quittieren.

2. Warum empfiehlst du dieses Buch?
Weil Nick Cave dieses biblische Gleichnis in einem herrlich unverbrauchten, düsteren sowie streckenweise glatt ekelerregenden Szenario platziert: Einem „gottverlassenen, vom Zuckerrohr und einer bigotten Sekte beherrschten Südstaatenkaff“ (Klappentext!) in den 1930er Jahren, in denen der amerikanische Süden bekanntlich nicht durch humanitäre Ideale glänzte.

Ein weiterer großer Punkt, warum ich das Buch empfehle, ergibt sich aus der Stummheit des Protagonisten Euchrid Eucrow. Dadurch, dass er seine Gedanken anderen nicht verständlich machen kann, besteht ein Großteil des Buches aus inneren Monologen sowie Gesprächen, die Euchrid belauscht oder die in seiner Abwesenheit stattfinden. Hierdurch hat man das Gefühl, den Protagonisten bis auf die letzte Windung seines Hirns kennen zu lernen und entdeckt in ihm immer neue Abgründe, aber auch charakterliche Stärken, die erst im Kontext des Buches als solche erkennbar werden.

3. Du hast den letzten Satz gelesen, schlägst das Buch zu. Was bleibt?
Das Buch hat bei mir vor allem wegen seiner indirekten Mahnungen an Anstand und Sozialverhalten des Einzelnen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Im Buch gelten gewissermaßen andere Standards für jede Gemeinschaftsstufe: Protagonist Euchrid, der den Großteil der Geschichte in sozialer Isolation verbringt, erfährt konstant eine deutlich andere Behandlung als die Angehörigen der (einigermaßen zugänglichen) Stadtgemeinschaft und erst recht als die Mitglieder der Ukuliten, der eingeschworenen, die Stadt beherrschenden Sekte.

Hieraus kann man mehrere Lehren ziehen, über den Menschen als Individuum oder als Herdentier und wie der Konsens der Herde den Anstand und die Werte einzelner beeinflussen oder streckenweise komplett außer Kraft setzen kann. Und abseits solcher Schlussfolgerungen hinterlässt das Buch einen wirklich fauligen Nachgeschmack, da Nick Cave eine ekelerregende Atmosphäre und verabscheuungswürdige Charaktere zu erschaffen weiß. Keine Gute-Nacht-Lektüre, aber gerade dadurch umso fesselnder!

4. Wann bist du dem Buch zum ersten Mal begegnet?
Auf das Buch bin ich zum ersten Mal gestoßen, nachdem ich „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ gesehen habe. Während des Films hat mich die düstere, fast depressive Stimmung gepackt, die (natürlich nebst grandioser Bilder und Story) der niederschmetternd melancholische Soundtrack mit sich bringt. Als mir Wikipedia verriet, dass der gute Nick nicht nur (Film-) Musik machen, sondern auch Bücher (sowie Drehbücher) schreiben, dichten und schauspielern kann, habe ich mich entschlossen zu checken, ob sich die herrlich düstere Atmosphäre des Filmsoundtracks auch in seinen anderen „Produkten“ wiederfinden lässt. Meine Erwartungen wurden übertroffen.

Nick Cave. Und die Eselin sah den Engel. 1993