Elisabeth (29), Schriftsteller*in, aus Wien empfiehlt „Le poulet du dimanche“ von Sylvie Fontaine.

1. Worum geht es für dich in dem Buch?
„Le poulet du dimanche“ (dt. „Das Huhn am Sonntag“) ist ein Comic über Familien, Familiendynamiken, Beziehungsgeschichten und was sonst noch zwischen und in Menschen passiert. All das, was schön ist oder auch nicht, aber in jedem Fall wert, angesehen zu werden. Eine Comic-Version psychosomatischer Metamorphosen, in der Machtdynamiken parodiert, in ihrer Härte und Gewalttätigkeit aufgezeigt werden, aber doch letzten Endes ihrer Ernsthaftigkeit vollkommen beraubt.

2. Warum empfiehlst du dieses Buch?
Sylvie Fontaine schafft es wortlos, und vor allem indem sie den Körpern ihrer Figuren die Kraft gibt, sich zu verwandeln, sich gegenseitig zu zerschneiden und ineinander einzudringen, Beziehungen zwischen Menschen darzustellen. Das Buch ist voll von Kurzgeschichten, oft auf nur einer Seite treten die Figuren auf, transformieren sich in Schlingpflanzen oder Äste, Roboter oder riesenhafte Ohren. Fontaine zeigt uns dabei keine glatten Oberflächen, sondern das, was sich darunter abspielt, und verliert dabei nie den Humor. Die Figuren sind für mich nachvollziehbar, möchte ich in die Arme nehmen und gleichzeitig mich von ihnen distanzieren, schlagen sich durch mit den Mitteln, die sie eben haben, oder auch nicht. Wenn man Löcher hat, wird man sie bei Fontaine recht wörtlich stopfen. In dieser Version der Metamorphosen menschelt es sehr.

3. Du hast das letzte Panel gesehen, schlägst das Buch zu. Was bleibt?
Ein verschlucktes Lachen.

4. Wann bist du dem Buch zum ersten Mal begegnet?
Beim Comic-Festival in Angoulême (Frankreich) in irgendeiner Wühlkiste in der Indie-Ecke des Festivals. Dort ist es mir in die Hände gefallen, ich hätte es leicht übersehen können, aber ich habe es aufgeschlagen und gesehen, das gebe ich nicht mehr her. Seitdem schlage ich es immer wieder auf, lasse es dann monatelang im Bücherregal verstauben, entdecke es wieder, lege es weg, borge es her, vergesse, dass ich es her geborgt habe, suche es verzweifelt, bekomme es zurück, freue mich, blättere es durch, und lasse es dann wieder verstauben. Ein Begleiter eben.

Sylvie Fontaine. Le poulet du dimanche. 2007