Cornelia (30), Krankenpfleger*in, aus Wien empfiehlt „Histoire d’O“ von Pauline Réage.

1. Worum geht es für dich in dem Buch?
Um die Beziehung einer selbständigen Frau zu ihrem Körper und ihrer Psyche. Über die Grenzen dessen und die Gewalt, die sie ausübt, um diese Grenzen zu überdehnen und zu brechen. O kommt ohne Namen aus, aber ihre Beziehungen nicht. Rene verliebt sich in sie und bietet ihr ein Machtspiel an. Er dominiert dabei und sie lenkt die Tiefe der Beziehung mit ihrer widerspruchslosen Zustimmung. Rene bringt sie nach Roissy und O macht ihre erste Bekanntschaft mit den befreienden anonymisierenden Regeln des Spiels. Sie kehrt zurück und wird an Sir Stephen verschenkt. Mit diesem expandiert sie ihren Erlebnisraum immer weiter.

Ihre Kontaktpunkte kreuzen nun auch immer mehr Frauen und Meister_Innen und ihre „Ausbildung“ wird immer strenger und arbiträrer. Rene und Stephen verlassen den Roman und die „Unterwürfige“, aber die Autorin schenkt uns in der Forstezung, in der O abermals nach Roissy zurückkehrt, den Blick auf ihren unverwüstlichen Kern. Frei von allem Balast und Meister_Innen ist es Os Entscheidung, nicht nur zu gehen, sondern auch zu bleiben. Es ist die Geschichte von einer, die tut, was sie will.

2. Warum empfiehlst du dieses Buch?
„Histoire d’O“ erzählt von Fetischen und Bestrafungen sowie von Dominanz und Unterwerfung, ohne jemals obszön zu werden. Der Roman parodiert sich selbst und die gesamte pornographische Literatur, bleibt dabei aber im Stil klar erkennbar der gehobenen französischen Literatur treu. Bemerkenswert ist dabei die Detailgenauigkeit der Spielregeln und des Verhandelns sowie der Verbote, die O immer freier werden lassen. Sie muss nichts mehr entscheiden, nur mehr ja sagen oder eben nein, und wird dabei extrem objektiviert. Der Rezipient bzw. die Rezipientin kann sich in die Emotionstiefe des Textes fallen lassen und den harten Kontrast zu der meist fauligen Pornographie des 21. Jahrhunderts erspüren. O ist vieles und kann dabei Projektionsfläche für noch mehr sein, aber sie ist niemals platt.

3. Du hast den letzten Satz gelesen, schlägst das Buch zu. Was bleibt?
I just don´t know what to do with myself von den White Stripes. Denn Musik und Literatur gehen bei mir Hand in Hand. Geblieben ist eben die absolute Abhängigkeit der Männer von O. Die Macht, die sie ausüben, wird ausschließlich über die Macht definiert, welche O bereit ist zu geben. Zu jedem Zeitpunkt hat sie absolute Entscheidungsgewalt. Empowerment, Verlust, Parodie – und die White Strips spielen den Soundtrack dazu.

4. Wann bist du dem Buch zum ersten Mal begegnet?
Zuerst kam die Comic-Interpretation von Guido Crepax und die war bereits herausragend tiefgehend. Der Bildaufbau spiegelt den Text von O und ihren Aussagen wider. Die Bildästhetik spiegelt wiederum die von Öbszönitäten freie Sprache wider. Da musste die Literaturvorlage einfach sofort gelesen werden. Diese hat dann gleich nochmal einen anderen Erlebnisraum aufgemacht. Die Charaktere der Männer und die verstreichende Zeit im Roman wurden gleichzeitig gewichtiger und fast vernachlässigbar. Und O noch plastischer und unbegreifbarer.

Pauline Réage (Anne Desclos). Histoire d’O. 1954