Claudia (42), Historikerin, aus Wien empfiehlt „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante.

1. Worum geht es für dich in dem Buch?
Für mich geht es in dem Buch um die Lebensgeschichte von Lenù, der Erzählerin der Geschichte. Sie wächst in Neapel auf. Die größte Stadt Süditaliens und ihre Bewohner sind das dominante Thema. Und dies thematisiert die Autorin nicht, indem sie darüber schreibt, sondern „daraus heraus“ schreibt. Es geht auch um eine Freundschaft, um die Freundschaft zu Lina. Aber was ist das für eine Freundschaft? Wochenlang sehen sie sich nicht, Lenù vergöttert Lina, dass es einer Art Abhängigkeit gleichkommt, beinahe jeder Blick auf die eigene Person wird an der Freundin Lina gemessen. Das hat für mich etwas Trauriges und Quälendes an sich. Aber gut, wenn wir ganz ehrlich mit uns sind, dann sehen die tiefsten und prägendsten Freundschaften genau so aus.
Und dann geht es noch um das Nachkriegseuropa. Das Schweigen über das Kriegsende und die Chance eines Neuanfangs, die manche zu nutzen wissen. Bildung als Voraussetzung für ein besseres Leben steht noch nicht zur Option. Im Gegenteil, wer wie Lenù klug ist, gerne liest und lernt, muss darum kämpfen, muss nicht nur gut, sondern die Beste sein. Dort, wo Lenú herkommt, aus einem Viertel von Arbeitern, Händlern und Handwerkern, ist das Leben zwischen Büchern nicht viel wert. Es geht also auch um den Mut von Lenù, die trotz der Aussicht auf Unverständnis und Isolation, trotz des drohenden Verlusts von Zugehörigkeit, einen anderen Weg als ihre Eltern, ihre Nachbarn und nicht zuletzt als Lina wagt.

2. Warum empfiehlst du dieses Buch?
Ich habe das Buch verschlungen. Das kommt bei mir sehr selten vor. Normalerweise sprechen mich Bücher auf der Bestsellerliste sowieso nicht an. Aber ich liebe Neapel wie keinen anderen Platz auf dieser Erde. Und ich mag an dem Buch den einfachen Stil, die Sprachlosigkeit der Protagonisten, die offenen Fragen, das Leise, Stille, fast Poetische.

3. Du hast den letzten Satz gelesen, schlägst das Buch zu. Was bleibt?
Ungeduld. Der Fortsetzungsroman erscheint erst im Jänner 2017 in deutscher Übersetzung. Vielleicht ringe ich mich doch noch dazu durch, den zweiten Band auf Italienisch zu lesen.

4. Gefällt dir etwas nicht an dem Buch?
Ich kenne Neapel recht gut. Ich kenne auch die Sprache der Neapolitaner. Wehe, man nennt es einen Dialekt! Das Neapolitanische ist jedoch viel mehr als eine italienische Minderheitensprache. Die Entscheidung, ob du als Bewohner dieser Stadt Neapolitanisch oder Italienisch redest, verrät, welcher sozialen Gruppe du dich zugehörig fühlst. Die offizielle Sprache ist Italienisch und diese wird von der bürgerlichen und gebildeten Bevölkerung gesprochen. Das Neapolitanische wird – zu Unrecht – den Unterschichten zugeordnet. Ferrantes Buch thematisiert durch den Gebrauch der beiden Sprachen nebenbei die sozialen Gräben, die sich über sie ausdrücken. Aufgrund der deutschen Übersetzung, die – egal ob aus dem Italienischen oder Neapolitanischen – den gesamten Text in ein Einheitsdeutsch verwandelt, geht diese über die Sprache erzeugte Spannung verloren. Da hilft es auch nicht, wenn die Übersetzerin dem Leser den Hinweis erteilt, dass das eben Gesagte im Neapolitanischen gesprochen wurde. Die Melodie, der Klang, die Stimmung der Sprache fehlen einfach.

Elena Ferrante. Meine geniale Freundin. Kindheit, frühe Jugend. Kindle Edition. 2016