Johanna (28), Journalistin, aus Wien empfiehlt „Atlas eines ängstlichen Mannes“ von Christoph Ransmayr. 

1. Worum geht es für dich in dem Buch?
In Ransmayrs Buch geht es um Orte, um Begegnungen, um Beobachtungen. 70 Geschichten erzählt der Autor, jede beginnt mit den Worten „Ich sah…“, egal ob sie in die nepalesischen Berge, in die russische Arktis oder auf den Marktplatz einer oberösterreichischen Kleinstadt führt. Dieser Marktplatz mit seinem Brunnen, den Bänken und den adretten Geschäften rundherum ist mir vertraut – ich bin in diesem Ort meine ersten Lebensjahre aufgewachsen und habe Familie, die dort nach wie vor lebt. Diese Mischung zwischen Ferne und Nähe fasziniert mich an dem Buch.

2. Warum empfiehlst du dieses Buch?
Die intimen Momente und Begegnungen, die bildhaften Beschreibungen von Landschaften und Menschen machen das Buch des vielreisenden Autors zu etwas ganz Besonderem – nicht zuletzt dank seiner Sprache. Zu Beginn war mir Ransmayrs Stil zu lyrisch. Als ich hineinkippte, fühlte ich, dass jedes Wort bewusst gewählt worden war: In seiner präzisen Sprache nennt er südamerikanische Bäume bei ihren Fachnamen oder beschreibt Maschinen in allen technischen Einzelheiten. Man spürt das große Wissen hinter den Geschichten. Gleichzeitig schafft Ransmayr einen Sprachrhythmus, der mich in die Geschichten hineinzieht. Trotz der oft komplexen Satzstrukturen fesselt mich das Buch auch in der U-Bahn oder im Flugzeug.

3. Du hast den letzten Satz gelesen, schlägst das Buch zu. Was bleibt?
Nachdem in dem Buch nicht eine, sondern 70 Geschichten erzählt werden, bleibt nach jedem Zuschlagen des Buches ein anderes Gefühl: Melancholie nach der Geschichte über das Begräbnis eines nach Brasilien geflüchteten jüdischen Deutschen, Erleichterung nach der Geschichte des gut überstandenen Flugzeugangriffs auf Wanderer im bolivianischen Hochland, Staunen nach der Geschichte eines australischen Fassadenkletterers. Am Ende blieb die Lust, das Buch noch einmal zu lesen, weil ich einigen der Geschichten beim ersten Mal nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt habe.

4. An welchem Ort hast du das Buch überwiegend gelesen?
Ich habe mir das Buch in einem kleinen, blauen Hardcover-Format gekauft, bevor ich eine Freundin in Barcelona besuchte. Ich lese Christoph Ransmayr schon länger, allerdings habe ich seine Neuerscheinungen nicht verfolgt und umso glücklicher war ich, als ich zwei Tage vor dem Flug das Buch im Handtaschenformat und mit einem wunderschön schimmernden Einband im Angebot auf einem Wühltisch gefunden habe. Ich begann es am Wiener Flughafen zu lesen und nahm es immer wieder zur Hand: am Strand der Barceloneta oder im Park neben der Sagrada Familia.

Christoph Ransmayr. Atlas eines ängstlichen Mannes. 2012.