Malte (26), prekär beschäftigt, aus Wien empfiehlt „Das Schloß“ von Franz Kafka.

1. Worum geht es für dich in dem Buch?
Das Thema dieses Romanfragments ist schwer zu umreißen. Das Buch ist nicht allzu lang, dennoch schreitet die Handlung langsam voran. Die längsten zusammenhängenden Passagen sind Dialoge, in welchen die Charaktere versuchen, das allgemeine Unglück der Schlossuntertanen, das sich dem Leser selbst nicht erschließen will, zu rationalisieren. Man folgt dem Hauptcharakter K., dem vom Schloss, einer obskuren Manifestation unpersönlicher Herrschaft, die Funktion eines Landvermessers zugestanden wurde. Dieser Funktion zu entsprechen wird ihm aber durch jenen uneinsehbaren bürokratischen Apparat gleichsam verwehrt. Es vermittelt sich sehr deutlich die Hilflosigkeit der Schlossabhängigen, die stets vergeblich ihre sehr bescheidenen und funktionellen Interessen verfolgen. Gleichzeitig erahnt man darin den Ursprung jener Abhängigkeit.

2. Warum empfiehlst du dieses Buch?
Die Beschädigungen, die ein jeder unter unpersönlicher Herrschaft zu erleiden hat, sind dem Bewusstsein derselben allzu oft entzogen. „Das Schloss“ führt dem Leser die unzureichenden Verarbeitungsstrategien, die uns zur Verfügung stehen, vor und holt gleichzeitig die meist verborgene Gefühlswelt, unsere verkrüppelten Seelen, an die Oberfläche. So wird der Leser während der Lektüre immer wieder abschweifen und so manche Kränkung und Gezwungenheit erneut durchleben. Dieses Erleben wird die Lektüre in die Länge ziehen und zeitweise sehr unangenehm machen. Es ist aber eine überaus intensive Erfahrung, die einem die Psyche sonst wohl nicht erlaubt.

3. Du hast den letzten Satz gelesen, schlägst das Buch zu. Was bleibt?
Das Ende kommt abrupt und lässt alles unaufgelöst. Das letzte wortreiche Streitgespräch kann die Handlung nur zwiespältig einordnen. Die darauf folgende Schlussszene steht der restlichen Handlung eigentümlich und schwer integrierbar gegenüber. Auch in der Gesamtschau muss der Verstand vor der Aufgabe kapitulieren, eine konsistente Handlung zu erklären. Was bleibt ist das intensive Gefühl, ein wenig Aufklärung über das eigene Seelenleben erhalten zu haben. In der besprochenen Ausgabe sind alternative Szenen angefügt, welche sich zu Gemüte zu führen dem Leser, der vermutet zu umfassenden Neubewertungen genötigt zu werden, als ein gewisses Wagnis erscheint.

4. Was ist deine Lieblingspassage?
Besonders eindrücklich ist das 15. Kapitel, in dem die verkopfte Olga versucht, sich und K. die eigene Familienmisere verständlich zu machen. Wer da nicht seufzen muss, wem da nicht das Herz schwer wird und die zusammengezogene Brust das Atmen eher noch behindert wie eine verkrampfte Wade das Gehen, der und die ist ein empathieloses Monster, ein Unmensch, der nicht zu werden in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen nun mal unsere mühevolle Aufgabe ist.

Franz Kafka. Das Schloß. 1926